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Mittwoch, 07. September 2016, Musikschule Hildesheim e.V.

Mut und Zuversicht über die Musik

Flüchtlingsprojekte der Musikschule Hildesheim

Die Musikschule Hildesheim befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Notaufnahmestelle in der ehemaligen Mackensen-Kaserne. In dieser Einrichtung fanden teilweise bis zu 1.500 geflüchtete Menschen Platz. Allein schon aus dieser räumlichen Nähe, aber auch aus dem eigenen Selbstverständnis heraus, als öffentliche Einrichtung auch kommunalpolitische Verantwortung übernehmen zu wollen und mit der Gewissheit, mit Mitteln der Musik und den Know-how an kultureller Bildungskompetenz hier etwas erreichen zu können, entstanden verschiedene Projekte für und mit geflüchteten Menschen, die regelmäßig stattfanden und  stattfinden. Inzwischen wurde die Kaserne als Flüchtlingsunterkunft geschlossen; die Projekte wurden in Schulen und Familienzentren verlagert, in denen eine große Zahl der Flüchtlinge untergekommen sind oder betreut werden.

Bereits im Herbst letzten Jahres, in der Hoch-Zeit der nach Deutschland kommenden Flüchtlingsströme, war es ein inneres Bedürfnis einzelner Lehrkräfte der Musikschule, in irgendeiner Weise helfend tätig zu werden. Jedoch gestaltete es sich als schwierig, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Vor allem mit der „Kultur macht stark“-Sonder-Ausschreibung des VdM gelang es dann aber, ein Netzwerk aufzubauen, auf dessen Grundlage sich viele Ideen verwirklichen ließen. So vereinten sich die Universität Hildesheim, Institut für Kulturpolitik, der ASB Hannover, die AWO Hildesheim und die Cluster-Sozialagentur als Kooperationspartner. Mit dem Center for World Music, der Leester-Musikschulstiftung, dem theaterpädagogischen Zentrum Hildesheim, dem Schauspielensemble des Theater für Niedersachsen konnten weitere Unterstützer gewonnen werden. Besonders bemerkenswert ist das Engagement der Benzinfirma Total. Unter dem Motto „Total hilft Helfern“ erreichte uns eine Ausschreibung, die online in kurzer Zeit ausgefüllt, sehr unbürokratisch und schnell zu einem namhaften Unterstützungsbetrag führte.

Bei den Flüchtlingsprojekten in Hildesheim wurde die Idee verfolgt, nicht ein in sich abgeschlossenes Projekt durchzuführen, sondern bewusst niederschwellig anzusetzen. Den Menschen, die gerade angekommen sind und die noch keinen Status in Deutschland haben, ein freundliches Willkommen über die völkerverbindende Weltsprache der Musik darzubieten: Wer, wenn nicht die öffentlichen Musikschulen, sollten sich dessen annehmen? Die Projektverantwortlichen mussten und müssen sich dabei der Herausforderung stellen, dass die Kurse in sich stetig verändernden Zusammensetzungen der Teilnehmer stattfinden.

In allen Projektbeschreibungen finden sich folgende Kernsätze: „Die Musik ist allgemein ein gutes Mittel, Menschen zu verbinden, sie vermittelt Lebensfreude und Ausdruckskraft. Über das Instrumentenspiel erhalten Kinder und Jugendliche einen anderen Zugang zur Sprache, lernen schneller deutsch, sind schneller integriert und haben dadurch mehr Selbstbewusstsein. Der Spaß am Musizieren und der Erfolg am Instrument schafft Raum und Gelegenheit, traumatisch Erlebtes eine Zeitlang vergessen zu machen.“ – Was läuft konkret an der Musikschule Hildesheim?

Musik –  Yoga –  Sprache

Mit den Mitteln der musikalischen Früherziehung in Verbindung mit speziell ausgerichteten Yoga-Übungen für Kleinkinder wird auf eine kreative Weise intensiv Musik gehört und erlebt. Aufeinander hören, einander zuhören, singen, tanzen und Motorik-Training sind die Schwerpunkte dieses Angebots.

Erste Yoga-Haltungen werden eingeübt und passend zum musikalischen Thema umgesetzt. Yoga und Musik wirkt direkt auf den Körper, hilft den Kindern, mit sich selbst in Einklang zu kommen, den eigenen Instinkten (wieder) zu trauen, Lebensenergie zu tanken, sich zu öffnen für Veränderungen, Ausdauer, Leistungsbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln – und fast nebenbei Grundkenntnisse der deutschen Sprache zu erlernen. Diese Grundthemen sind unschätzbar wertvoll, insbesondere bei Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren.

Cajon – Bewegung – Sprache

Mit einem Cajon können sich die Kinder emotional ausdrücken. Es hat positive Auswirkungen auf das Lernverhalten und fördert die soziale Interaktion. Mit dem Angebot wird vor allem den jungen Flüchtlingen in der Erstaufnahme-Einrichtung und den unbegleiteten Minderjährigen eine Perspektive ermöglicht: Über das gemeinsame Trommeln wird das Sozialgefüge einer Gruppe geformt beziehungsweise vermittelt, mit dem Ziel sich einzuordnen, aufeinander zu hören und gemeinsam ein musikalisch-rhythmisches Stück zu formen und zu spielen. Westliche Rhythmen werden geschult: ein wichtiger Beitrag zu Verständigung und Integration. In anderen Veranstaltungen bauen die Kinder und Jugendlichen ihr Cajon selbst.

Musik – Tanz – Bewegung

Vor allem die unbegleiteten Minderjährigen unter den Flüchtlingen verspüren einen großen Wunsch nach Musik-Tanz-Angeboten. Nach anfänglicher Skepsis gilt das auch und gerade für Ethnien, bei denen das Tanzen von männlichen Jugendlichen verpönt oder gar verboten ist. Wir erleben ein ausgeprägtes Bedürfnis, sich dem Tanzen zu öffnen, sich von inneren Fesseln zu befreien und sich mit den westlichen Rhythmen, Musiken und Stilen vertraut zu machen. Musik und Tanz sind ein gutes Mittel, Menschen zu verbinden. Beim Tanzen können Kinder und Jugendliche ihre Gefühle und Frustrationen ausleben, sich ausdrücken und einen positiven Umgang miteinander lernen. Tanz ist Lebensfreude und Ausdruckskraft. Tanz ist Freiheit und Augenblick.

Gitarre lernen – Miteinander Kommunizieren

Viele der jungen Flüchtlinge wünschen sich, Gitarre spielen zu lernen. Das Musizieren schafft zudem die Grundlage in Jugendgruppen miteinander klar zu kommen und gibt Mut und Zuversicht für die Zukunft. Über dem Erlernen des Instrumentes und dem Musizieren wird im Sinne der Integration deutsche Musiktradition und Kultur vermittelt.

Deutsch-arabische Begegnung der Kulturen

Arabische und deutsche europäische Instrumente und Kulturen: die Kinder und Jugendliche sind ebenso interessiert daran, dem Gastland ihre Kultur und Tradition zu zeigen, wie sich der deutschen Kulturtradition gegenüber zu öffnen. Über heimatliche traditionelle Klänge und Instrumente besteht außerdem die Chance, den Zugang zu besonders traumatisierten Kindern zu bekommen und sie einzubinden. Deshalb initiieren wir gemeinsames Musizieren und das Neben- und Miteinander der Kulturen. Was diese Angebote bewirken können, zeigt eine kleine Anekdote aus den Cajon-Gruppen. Hier fanden sich plötzlich zwei Männer verfeindeter Ethnien wieder, die ihre Feindschaft auch in der Notunterkunft pflegten. Sitzend auf dem Cajon und mitten im Spiel schauten sie sich an und einer von beiden bemerkt: „Hey, so verkehrt bist Du doch gar nicht...“.

 

 


Autor: D. Hartmann, Quelle: nmz 09/2016