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Dienstag, 05. Dezember 2017, Landesverband niedersächsischer Musikschulen

Kulturpolitik macht man nicht mit Zahlen

Kammerorchester der Gerhard-Most-Musikschule Alfeld e.V. unter der Leitung von Volker Dehn. Foto: Heiko Stumpe

Die Gerhard-Most-Musikschule Alfeld e.V. feiert ihr 40-jähriges Bestehen

„Das ist ja schon Tradition: Das große Tor der Musikschule hat sich geöffnet“. Mit diesen Worten begrüßte Thomas Fiedler als Erster Vorsitzender des Trä­gervereins die geladenen Gäste zum Festakt des 40-jährigen Jubiläums der Gerhard-Most-Musikschule Alfeld e.V. (GMMS). Zuvor hatte das Kammeror­chester der Musikschule unter Leitung von Volker Dehn zur Eröffnung „Das große Tor von Kiew“ von Modest Mus­sorgski gespielt. Dass dieses Ereignis gefeiert werden könne, so Fiedler wei­ter, sei jedoch mit Rückblick auf die Vergangenheit keine Selbstverständ­lichkeit.

Schon seit 1972 keimte der Gedanke an eine musisch-kulturelle Instituti­on in Alfeld. Am 1. März 1977 gründe­ten Oberstudienrat Gerhard Most und der Direktor des Gymnasiums Alfeld, Horst Bernd, zusammen mit weiteren engagierten Bürgerinnen und Bürgern die Alfelder Musikschule.

Ziel des Gründervaters Gerhard Most war es, eine Musikschule mit den Qua­litätsstandards, Kriterien und Richtli­nien des Verbands deutscher Musik­schulen zu etablieren, um eine öffent­liche musisch-kulturelle Bildung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu gewährleisten. Schon kurz nach ih­rer Gründung hatte die Musikschule 100 Schülerinnen und Schüler. Zwei Jahre später waren es bereits 250 und Ende der 1990er-Jahre 700 Schülerinnen und Schüler. Nicht nur ein breit angelegter Fächerkanon entwickelte sich im Lauf der Zeit, sondern auch viele Ensembles, darunter das Kammerorchester, das Al­felder Vokalensemble und mehrere Blä­serensembles. Musische Gruppierungen wie das „Starlight Swing Orchestra“ oder der Gospelchor, die heute selb­ständig musikalisch tätig und eine Be­reicherung für das Musikleben der Re­gion Leinebergland sind, wurzeln in ih­rem Ursprung in der Musikschularbeit.

Allerdings gab es auch Rückschläge. Dass dieses Jubiläum gefeiert werden könne, so erklärte denn auch Fiedler in seiner Rede zum Festakt, sei mit Blick auf die Vergangenheit keine Selbstver­ständlichkeit. Durch überraschende Zuschusskürzungen des Landkreises Hildesheim stürzte die Musikschu­le 1999 in die Insolvenz, konnte aber auf Grund struktureller Änderungen und schmerzhafter Kürzungen in vie­len Bereichen weiter als VdM-Musik­schule bestehen bleiben. Viel Lob gab es von Fiedler für das gesamte Musik­schulteam, das durch seine hochquali­fizierte Arbeit und mehrfachen Verzicht auf Gehaltserhöhungen einen sehr großen Teil zum Überleben der Institution, vor allem jedoch zur positiven Wahr­nehmung in der allgemeinen Öffentlich­keit, beigetragen habe.

Heute hat die Musikschule durch Ko­operationen mit Kindertageseinrich­tungen und allgemeinbildenden Schu­len wieder Schülerzahlen wie vor der Insolvenz vorzuweisen. Sie ist mit vie­len kommunalen Institutionen vernetzt und stark mit deren Arbeitsfeldern ver­flochten. Bezuschusst wird die Musik­schularbeit durch die Stadt Alfeld und das Land Niedersachsen. Der Landkreis Hildesheim unterstützt mit Sachleistungen. Des Weiteren geben der Land­kreis Holzminden und andere Gemein­den Zuwendungen, die in den letzten Jahren jedoch zurückgegangen sind. Daher ist die Musikschule auf mone­täre Hilfe durch private Förderer an­gewiesen.

„Das Ziel ist, Voraussetzungen für sozialversicherungspflichtige Arbeits­verhältnisse zu schaffen“, so Thomas Fiedler. Er appellierte an die öffent­liche Hand, die unverzichtbare Arbeit von VdM-Musikschulen für die kultu­relle und gesellschaftliche Teilhabe weiterhin wahrzunehmen und zu un­terstützen.

Hauptredner der Jubiläumsveranstal­tung war Thomas Grosse, heute Rek­tor der Hochschule für Musik Detmold. Sein Festvortrag trug den Titel „Vom Nähkästchen zur Kulturpolitik: Poli­tisches Handeln und bürgerschaftliches Engagement für musikalische Bildung“. Grosse war während der schwierigen Ereignisse Ende der 1990er-Jahre Lei­ter der GMMS gewesen. Für ihn war es „eine bewegende Rückkehr zu sei­nen Wurzeln an seine alte Wirkungs­stätte“. Es seien für ihn bereichernde, aber auch turbulente und umstrittene Jahre gewesen, die er in seiner zehn­jährigen pädagogischen Tätigkeit, zwei Jahre davon als Leiter der Musikschu­le, erlebt habe.

Sowohl Thomas Grosse als auch Horst Bernd hatten für das politische Handeln im Rahmen der Insolvenz kei­nerlei Verständnis. Grosse verließ aus Protest den Trägerverein: „Die Schu­le wurde auf Zahlen reduziert und hat irgendwie die Insolvenz auf Messers Schneide überlebt. Obwohl die Schü­lerzahlen wieder auf dem Stand vor der Insolvenz sind, ist die finanzielle Situa­tion nach wie vor prekär. Und trotzdem wird an der GMMS hervorragende Ar­beit gemacht.“

Inzwischen hat sich die kulturpoli­tische Diskussion weiterentwickelt. Von den Transfereffekten durch Mu­sik in den 1990er-Jahren ging es spä­ter zunächst um Inklusion und heut­zutage um das Thema Integration. Für Grosse beschreibt Hans Günter Basti­ans Aussage „Musik ist die sozialste al­ler Künste“ das Wesen der Musik. „Mu­sik ist die Kunstform, die am stärksten und intensivsten Begegnung ermöglicht“.

Simon van Zoest, Schulleiter der Gerhard-Most- Musikschule Alfeld e.V.

Die ausführlichen Inhalte des Festvor­trags von Thomas Grosse sind auf der Homepage der Gerhard-Most- Musikschule Alfeld unter www.musikschule-alfeld.de nachzulesen.

Quelle: Neue Musik Zeitung NMZ, Dezember 2017 · Januar 2018 nmz 12/17 ·1/18